Jin Shin Jyutsu und Meditation

 Fumon S. Nakagawa und Relia Wecker

 Nakagawa Roshi beschäftigt sich seit langer Zeit mit dem Thema „Heilsames Leben“, denn für ihn ist es offensichtlich, dass die heutige Gesellschaft als ganze, ebenso wie die einzelnen Menschen, nach einer Orientierung zum heilsamen Leben suchen.
So werden im Zen–Zentrum Eisenbuch JIN SHIN JYUTSU-Kurse mit Meditation angeboten, wobei Meditation stets als tragendes Fundament praktiziert wird. Wie ist das zu verstehen? Das Zen-Zentrum Eisenbuch sieht den heilsamen Umgang mit sich selbst und mit der Welt als Teil der spirituellen Schulung. Im folgenden Artikel beschreiben Nakagawa Roshi und Relia Wecker diesen Zusammenhang bei JIN SHIN JYUTSU, einer uralten Methode zur Aktivierung und Harmonisierung des Energieflusses in Körper und Geist.

JSJ mit aufrichtigem stillem Geist angewandt ist nichts anderes als Meditation selbst. Das wahre Wesen von JSJ ist nicht nur Anwendung von Wissen und Technik, sondern die Hingabe an das Fließen der Lebensenergie, die ohnehin schon vorhanden ist.
Mary Burmeister (2) die 12 Jahre lang mit Jiro Murei in Japan studiert hatte, kam 1954 aus Japan in den Westen. Sie lehrt uns, dass wir die Kunst des JSJ mit reinem Geiste ausführen sollen.(TEXT 1 S.2)

 Ich-bezogenes Denken und Tun trennt uns von der universellen Liebe und Lebenskraft. Durch die Meditation kehren wir zu uns selbst zurück und wachen zum Leben in uns selbst auf. Das ist gerade auch nichts anderes als das Wesen von JSJ.
Warum wird ein JSJ-Kurs zusammen mit Meditation angeboten? Weil beide in eine identische Richtung gehen; das ist der Weg von Heilung und Schulung. Es strömt, es atmet in der Form des Körpers, in der Form des Geistes: der Atem des Körpers im Geist, der Atem des Geistes im Körper – in der Ganzheit des universellen Atems.
„In den Strom eintreten“, bedeutet aus buddhistischer Sicht, zum Leben wach geworden sein. Im JSJ legen wir die Hand auf verschiedene Stellen des Körpers und lassen die Lebensenergie wieder ganzheitlich strömen. Die Haltung des Lotussitzes ist eine Form des JSJ, da sie in vollkommener Weise wichtige „Sicherheitsenergieschlösser“ (3) miteinander verbindet. Der Atem vertieft und befreit sich von selbst. Von der Grundströmung des Lebens getragen, werden wir geistig und körperlich klar. Dogen Zenji (1200 – 1253) wurde einmal gefragt, wie man den Weg erreichen kann. –„ Durch den Körper“ -, war seine Antwort.

 Ich möchte die Bedeutung der drei Wörter Jin, Shin und Jyutsu folgenderweise erklären:
„Jin“ bedeutet höchste Tugend, welche man als Mensch verkörpern soll und die das Wesen des Menschseins ausmacht; kurz gesagt: Mitgefühl, karuna, und Liebe, maitri.
„Shin“ hat verschiedene Bedeutungen. Es kann auch mit „das wunderbare Wirken“ übersetzt werden. Dieses können wir von unserem Denken und Wissen her überhaupt nicht erfassen, wir können nicht verstehen, wie JSJ wirkt; wir begreifen nicht, warum es wirkt. Unser Herz schlägt, das Blut zirkuliert, es atmet, das ist die Fähigkeit und das Wirken des Universums, des Göttlichen selbst. „Jyutsu“ heißt Pfad und meint die Kunst oder Methode, auch das Wissen.

 Wenn diese die Lebensenergie berührende Heilmethode oder Meditation mit Ich-Anhaftung ausgeübt wird, könnte Unheilsames entstehen. Das Ich-Bewusstsein aber ist uns nur gegeben, um dem Leben in uns zu dienen. Wer sollte das denn sonst tun, wenn nicht wir als Ich. Unsere Fähigkeit zum dualistischen Denken, zur dualistischen Weltsicht dient dazu, unser menschliches Leben in der menschlichen Gesellschaft wohl zu leben.

 Meditation ist die Fortsetzung von JSJ, und JSJ ist die Fortsetzung der Meditation. „Ich meditiere und verweile so wohl im Leben.“ Durch die Praxis des Atmens – Ein und Aus – strömt es durch und durch in uns und durch uns in die ganze Welt. Jeder Atemzug ist als der universelle Atem in uns, immer und überall. Wenn wir schlafen, atmet es in uns weiter, durch und durch. Das Ich-Bewusstsein ist nicht mehr da, niemand wird sagen: Ich atme ja ganz falsch, wenn ich schlafe. Der Alltag des Lebens ist der Ausdruck von Ein und Aus. Wir begegnen ständig uns selbst, wir begegnen ständig der Würde des Daseins, der Würde in uns. Wachen wir auf zur Grundschönheit des Lebens, zur Grundwürde des Lebens in uns und um uns in der ganzen Welt. Natürlich, manchmal ist es so schwer, die Worte „Schönheit des Körpers, Schönheit der Welt“ anzunehmen. Wenn wir eine Behinderung oder dauernd Schmerzen haben, können und sollen wir trotzdem vor-ankommen auf geistiger, emotionaler und körperlicher Ebene des Friedens, indem wir es annehmen lernen, annehmen, dass es so ist. Was möglich ist, wird gemacht, getragen. Das ist der Weg.

Akt der Liebe

 Wenn man JSJ-Heilströmen erfährt, öffnen sich die inneren Blockaden, sodass die Heilung geschehen kann. Was wir hier miteinander tun, ist ein Akt der Liebe. In uns strömt durch und durch die Liebe des Lebens, die Liebe des Universums, wir sind im Leben des Universums und wir sind geliebt vom Leben.

 Wir respektieren und verehren unseren Körper und den Körper der anderen als den universellen Atem. Haben wir Grundrespekt vor unseren Händen, vor Leber, Lunge, den Augen? Sie alle gehören gar nicht uns, wir müssen ihnen mit großer Dankbarkeit begegnen und ihnen dienen, sodass wir wohl am Leben sein können. Wenn ein Körperteil Schmerzen verursacht, dann wollen wir die Ursachen dafür herausfinden und den Schmerz lösen. So erwächst in uns das Bewusstsein, dass wir auf diese Weise handeln sollen, wollen, können, dürfen, müssen. Wenn wir wollen, aber nicht können oder dürfen, leiden wir. Dieses Leid wird auf der Ebene des Ichs noch verstärkt. Diese Ebene vom Ich wird verarbeitet, indem wir zuhören, was der Körper als universelles Leben wirklich will, was das Leben im eigenen Körper überhaupt will.

 Lieben heißt auch, sich selbst und anderen wahrhaft Freude schen-ken. Wahrhafte Freude bedeutet, dass man mit sich selbst wirklich in Frieden ist, in Frieden verweilt. Wahre Freude schenken heißt nicht bloß Dinge schenken. Schenken heißt erwecken. Ein gelassener Mensch, der schweigsam, aber liebevoll da ist, ist ein Geschenk für alle. Die Grundbedeutung des Gebens (Dana) ist es, wahre Freude zu schenken. In Wirklichkeit schenken wir gar nicht, weil es ja gar nichts zu schenken gibt. Frieden und Freude sind da, sie müssen zum Fließen und zum Ausdruck gebracht werden. Das ist wahres Schenken, wahre Freude. Die Heilkraft des Lebens ist immer in uns vorhanden.

Schulung und Heilung

 Wir haben die angeborene Fähigkeit, uns geistig und seelisch zu entwickeln. Dazu brauchen wir den inneren Willen und gute Bedingungen, wir brauchen auch Unterstützung von anderen. Praxis ist Heilung, wir verarbeiten und lösen Probleme, die wir mit uns herumtragen. Wir müssen uns um uns kümmern. Das können wir durch Verweilen in der Stille der Meditation und beim Strömen. Wenn wir Zazen machen, sitzen wir nur auf dem Kissen, aber der Geist verarbeitet in uns Probleme von heute, Überlegungen für die Zukunft, Unerledigtes aus der Vergangenheit. In der Stille verweilen und dabei intensiv da sein, der Geist ist wach, aufrecht und ehrlich, – dadurch wird alles von selbst geordnet und gelöst.

 Wenn wir JSJ-Heilströmen anwenden, harmonisiert sich der Lebens-fluss im Körper und den verschiedenen Körpertiefen-Ebenen oder -Hüllen (4). Fließt die Energie im Körper harmonisch, ordnet sich der Geist von selbst.

 Sind wir offen, d. h. aufrichtig und ehrlich zu uns selbst, taucht in uns das Grundbedürfnis nach Liebe auf, das Bedürfnis, vollständig zu verstehen und erkennen und verstanden zu werden. Wenn wir uns selbst tief verstehen, kommen wir mit uns selbst klar und umarmen uns selbst. Dadurch können wir andere verstehen und andere lieben. Der Weg von JSJ und Meditation und von vielen spirituellen Wegen ist nichts anderes als: wahrhaftig sich selbst und den anderen begegnen, und sich selbst und die anderen wahrhaft lieben. Dies ist der Weg von Schulung und Heilung. Dadurch öffnen wir das Tor zum Leben mit allen zusammen, zum wahrhaft Glücklichsein.

 Anmerkungen

 (1) Jin Shin Jyutsu (JSJ), ein einfach zu erlernendes Heilsystem, wurde Anfang des 20.Jahrhunderts von dem Japaner Jiro Murai wieder ins Leben gerufen. Es basiert auf dem zentralen Konzept der universellen Lebensenergie, die in jedem Organismus zirkuliert und bei ungehindertem Fluss für seelisch-geistige Harmonie und Wohlbefinden sorgt.

 (2) Nähere Ausführungen in:
Alice Burmeister/Tom Monte, Heilende Berührung. Körper, Seele und Geist mit Jin Shin Jyutsu® behandeln. München 2000

 (3) Auf jeder Körperseite gibt es 26 sog. Sicherheitsenergieschlösser. Sie sind unser Sicherheitsalarmsystem. Sie verschließen sich, wenn wir den Körper missbrauchen. Damit warnen sie uns, wenn wir auf Probleme oder Disharmonien zusteuern.

 (4) Damit sind die Dichtegrade gemeint, in denen sich die Lebensenergie im Körper manifestiert. Insgesamt gibt es 9 Tiefen mit zunehmendem Verdichtungsgrad der Energie, die die Aspekte unserer spirituellen bis hin zur physischen Existenz durchdringen.

Literatur:
Waltraud Riegger-Krause: Jin Shin Jyutsu, Die Kunst der Selbstheilung durch Auflegen der Hände, Verlag Südwest
Alice Burmeister/Tom Monte: Heilende Berührung, Knaur

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Teilnehmerbericht, Zen-Retreat JSJ, April 2009