Heilsames Leben – Yoga – Mai 2014

Was tut man, wenn man feststellt, dass man ein akutes Bedürfnis nach Auszeit hat? Nachdem ich Fumon Nakagawa Roshi einige Wochen zuvor im Rahmen eines Gastvortrages in München, in meinem Karate-Dojo erleben durfte, war die Entscheidung schnell gefällt: Ein Aufenthalt im Zen-Zentrum Eisenbuch könnte genau das Richtige sein um zu mir zu finden und neue Kräfte zu sammeln. Gesagt getan. Im Kurs „Heilsames Leben – Yoga“ war zum Glück noch ein Platz frei. Nach kurzer Rücksprache mit Simone Picha, der sehr fachkundigen und geduldigen Yoga-Lehrerin vom Ginger up in Köln, buchte ich, trotz fehlender Yoga-Vorkenntnisse, den Fortgeschrittenen Kurs „Ashtanga Yoga“.

Wenige Tage später ist es dann soweit. Am Samstagmittag ziehe ich mit meinem Rollkoffer gen Bahnhof, um dann – ganz gemäß dem Thema der Auszeit – in gemächlichem Tempo mit der Regionalbahn anzureisen. Ankunft am Bahnhof von Neuötting, für den das Wort Verlassenheit erfunden wurde. Ich stehe da, der bestellte Taxifahrer leider nicht (eine Fehlangabe meinerseits). Da kann ich mich gleich mal in Geduld üben und schmunzele über diesen perfekten Einstieg in die Entschleunigungswoche!

Am Kloster angekommen öffne ich mit der Klosterpforte die Tür zu einer anderen Welt. Schon auf dem Weg zur Anmeldung entfaltet der Zen-Garten im Innenhof seine Wirkung und lässt mich unwillkürlich aufatmen. Freundlich nimmt mich Susanne, die Zentrums-Leiterin, in Empfang, versorgt mich mit Bettwäsche und zeigt mir mein Zimmer. Ein Einzelzimmer im ersten Stock des Gästehauses, mit Blick in den traumhaften, sanft zum Teich hin abfallenden Zen-Garten hinter dem Haus.

Schon bald habe ich meine Sachen eingeräumt und schlendere ein erstes Mal zu den vielen schönen Orten des Gartens. Abends, am Esstisch, ist dann Gelegenheit, die anderen, sehr netten Kursteilnehmer und Yoga-Lehrerin Simone kennen zu lernen. Auch F.N. Roshi nimmt am abendlichen Mahl teil und ergänzt es mit seinen tiefgründigen Beiträgen zu den verschiedensten Themen vom Fußball bis zum Sinn des Lebens. Für mich als Yoga-Anfängerin gibt es anschließend noch ein paar Tipps von Simone, wie ich mich bei den Stunden in den nächsten Tagen verhalten sollte. Dann ist es Zeit für das erste Zazen.

Im Zendo, im Dachgeschoss des Haupthauses, nehmen wir unsere Plätze ein und richten uns auf die erste Meditationsrunde ein. Für einen Zazen-Anfänger wie mich ist die Aussicht auf 2x eine halbe Stunde Sitzen zunächst einigermaßen respekteinflößend. Aber ich finde mich recht schnell hinein.

Der Alltag im Kloster

Am nächsten Morgen geht dann der normale Tagesablauf los: 5.00 Uhr wecken, 5.30 Uhr bis 6.30 Uhr Zazen und Kinhin (= Gehmeditation), anschließend Yoga bis 9.00 Uhr. Um 9.15 Uhr erwartet uns das köstliche, mittlerweile wohlverdiente Frühstück. Danach stehen Spüldienst und Samu (= achtsames Arbeiten) auf dem Programm. Beim Samu handelt es sich um Hilfsdienste – je nach Vorliebe in der Küche oder im Garten – bei denen man sich schweigend ganz und gar seiner Tätigkeit widmet. Angesichts des warmen Wetters und des schön angelegten Gartens zieht es gut die Hälfte der Gruppe zur Gartenarbeit, wo wir in den nächsten Tagen mit viel Liebe zum Detail das Unkraut aus den Zen-Wegen entfernen. Der Rest der Teilnehmer hilft in der Küche bei der Vorbereitung des gemeinsamen Mittagessens.

Nach einer schnell vergehenden Arbeitsstunde folgt als nächstes eine individuelle Studierzeit. Eine Gelegenheit, um sich zurück zu ziehen und sich mit einem Thema seiner Wahl intensiv zu beschäftigen. Dann kurze Pause zum Tee-Trinken, Ausruhen und in den Garten schauen und um 12.30 Uhr treffen sich alle wieder in der Stube des Gästehauses zum Mittagessen. Dieses ist – wie auch die anderen Mahlzeiten im Zen-Zentrum – auf Wunsch einiger Kursteilnehmer vegan und jedes Mal ein echter Genuss. Die Köchinnen verwenden hier viel Mühe und Liebe auf Würzen und Zubereitung. Sagenhaft.

Nach Mittagessen, Tisch abräumen und Spülen ist wieder eine kleine Pause. Das schöne warme Wetter in den ersten Tagen lockt nach draußen, ich genieße die meditative Stimmung auf der Gartenliege unter dem Obstbaum und fühle mich durchaus im Reinen mit der Welt. Da das Schweigen jeweils vom Ende des Mittagessens bis zum Beginn des Abendessens aufgehoben ist, kann sich nun auch unterhalten, wer will. Das fortgesetzte Schweigen zu den anderen Tageszeiten führt allerdings von selbst dazu, dass alle insgesamt eher ruhig und still unterwegs sind.

Nachmittags folgt Theorie mit Simone, die uns an ihrem reichhaltigen Yoga-Erfahrungsschatz teilnehmen lässt und mit uns anhand des Yogasutra von Patanjali über die Essenz des Yoga spricht. Daraus entwickeln sich häufig philosophische Gespräche über die rechte Art, Hindernisse auf dem Weg und ähnliche Themen. Den theoretischen Diskurs ergänzt Simone mit Atemübungen (Pranayama), die je nach Bedarf der Entspannung oder Aktivierung dienen können. Nach einer weiteren Pause wird zum Abendessen geläutet, das nun wieder in Schweigen eingenommen wird. Und dann, von 19.30 Uhr bis 20.30 Uhr ist das zweite Zazen. Die erste halbe Stunde dieser Session nutzt F.N. Roshi für seine sehr eigene Art der Vorträge, teilt mit uns seine inspirierenden Gedanken zu verschiedenen Lebensthemen oder spielt zum Beispiel auf der Bambusflöte, was ebenfalls ein sehr heilsames Erlebnis ist.

Die Yoga-Praxis – eine wunderbare Erfahrung

Als langjährig Übende im Karate war ich sehr neugierig darauf, mich einmal in einer anderen Disziplin zu versuchen. Zusätzlich suchte ich schon länger nach einer Ergänzung, die, im Gegensatz zum dynamischen Karate-Training, mehr Gewicht auf Atmung und intensive Dehnung und Kräftigung legt. Um es gleich zu sagen: Ashtanga Yoga war perfekt für mich. Simone, die in Köln im eigenen Studio lehrt, hat eine sehr gute Art, die grundlegenden Techniken und ihren Sinn zu vermitteln. Bewundernswert war ihr perfektes Multitasking – neben dem ruhigen Ansagen der 1. Serie für die geübten Teilnehmer soufflierte sie mir immer wieder anfängergerechte Varianten und gab mir Hilfestellungen. Auf diese Weise konnte ich recht gut folgen und gewann einen guten Eindruck vom meditativen und dabei körperlich sehr fordernden Charakter der Übungen (Vinyasas).

Das Zazen – ein Weg, um zu sich zu gehen

Das Zazen, also die Sitzmeditation, hatte ich bis dahin nur zweimal in je fünftägigen Seminaren praktiziert und hatte es jedes Mal als recht anstrengend empfunden. Die Aufgabe, still zu sitzen und dem eigenen Atem zu lauschen, ohne auf ziehende Schultern, juckende Nase oder ziepende Knie zu achten, empfand ich als Herausforderung (was ja auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, das größere Geister jahrelang üben bevor sie auch nur ansatzweise zur Ruhe kommen). Dieses Mal war es allerdings so, dass die Atemübungen der Yoga-Stunden, die dort betriebenen Dehnübungen, die Gedanken von Simone und von Roshi zur Zen-Übung und teilweise sogar die besprochenen Themen so gut ineinandergriffen, dass sich über die Tage ein besseres Körpergefühl als zuvor einstellte. Auch die Gedanken sind sehr nachhaltig zur Ruhe gekommen.

Mein Fazit

Für mich war die Kombination aus Zazen und Yoga eine sehr gute. Ich bin erholt, guten Mutes und mit neuer Energie nach Hause gekommen. Ich werde versuchen, Zazen und Yoga als dauerhafte Elemente in meinen Alltag einzubinden. Ich kann einen solchen Aufenthalt wirklich jedem wärmstens empfehlen.