Kloster auf Zeit – August 2015

KLOSTER AUF ZEIT – oder: KLOSTERHAFTE ZEITEN

 

Der dritte Morgen. Der Wecker klingelt um 4.15. OK, noch 10 Minuten bis zur ersten freiwilligen Sitz-Meditations-Übungs-Stunde. Jetzt schon leichter Horror vor den mir anstehenden Knie-/Fuß-und Beckenschmerzen. Die ersten 2 Tage Sitzen sind auch noch in den Gliedern und Knochen, so als wäre ich zuvor auf einem einwöchigen „Fitness-Studio-Retreat“ gewesen, mit ewigen Trainingsperioden, bei ständigen Gewichtssteigerungen, aufgelockert durch einige, wenige, Schlafunterbrechungen

Aber: ich bin tapfer. Ich will schließlich mich, und auch Anderes, erfahren. Ich bin doch nicht zum Spass hier!

Also: ab nach oben in die geheiligte Zendo-Halle…

Komisch: ich höre gar kein Knarren von den Anderen, keinerlei Geräusche… keine Mit-Leidenden unterwegs? hmmmm… auch der Zendo ist dunkel, die Türe ist zu und es ist kein Licht zu sehen… gar nix… zappenduster.

Ach: jetzt weiß ich, warum. Ist ja klar, es ist Samstag und bestimmt habe ich nur, aus irgendeinem unerfindlichen Grund, nicht mitbekommen, dass der Freiwilligen-Leidens-Dienst am Wochenende gar nicht stattfindet!

Aber: wenn ich schon mal da bin!… ich mache vorsichtig die Türe auf, verbeuge mich in der hier im Kloster gelernten Art vor dem Thatagatha, verschränke meine Arme und Hände ordungsgemäß vor meiner Brust, laufe, ganz sachte, um den Thatagatha herum, bin sehr stolz auf meinen knallharten Willen und suche meinen Platz… und mein doppeltes Meditations-Sitzkissen… und suche.. ähm.. schläft da etwa jemand?…, da, hinten, dort, da schaut einer im Dunklen schlaftrunken auf seine Uhr… Mist!… ich Vollpfosten!… natürlich! einige Mitglieder des Sangha schlafen doch hier oben… und wann sonst sollen sie den Schlaf des Gerechten schlafen, wenn nicht am Wochenende!

Scham!… ich gehe, ganz behutsam, hurtig, wieder hinaus, selbstverständlich ohne meine Haltung zu verlieren… und hoffe inständigst, nicht alle Schlafenden durch meinen übereifrigen Tatendrangswillen aufgeweckt zu haben.

Wieder im Zimmer angekommen denke ich mir, dass ja auch alles die Kehrseite in sich trägt und freue mich daher unechreibbar noch weitere 35 Minuten schlafen zu können, denn einschlafen kann ich hier im Kloster in weltmeisterlichen Zeiten… und: ich stelle den Wecker auf 5.15 Uhr.

Ich werde wach:… es ist 5.25 Uhr… der Wecker hat mich nicht geweckt!… ich beeile mich, denn um 5.30 Uhr gehts los mit dem normalen, also nicht freiwilligen Turnus und den muss/will ich nicht unbedingt verspätet beginnen…. ich komme oben an… es ist 5.28 Uhr… es geht sich also noch aus…

Aber was ist das? Alle sitzen schon! Alle sind schon in Meditation versunken! Und das vor der Zeit! ICH BIN DER LETZTE!!

Im Versuch, Haltung zu wahren, nehme ich, nach ordnungsgemäßen Verbeugungen, meinen Platz ein. Ich stelle dabei mit Freude fest, dass sich meine Sitz-Meditatonskissen am ordnungsgemäßen Platz befinden.

Nachdem ich nach einigem Hin- und Her-Gerutsche endlich meine (vorübergehend) optimale Sitzhaltung eingenommen habe, schaue ich mich um und stelle mit Genugtuung fest, dass ich doch nicht der Letzte bin. Die zwei Mitleidenden links neben mir und ein paar Leidensgenossen hinter mir fehlen noch.

Ich versenke mich in mich und meine Schmerzen… Nach gefühlten, unendlichen, 30 Minuten, frage ich mich, wo denn nun der mir mittlerweile altvertraute Gong bleibt,der ankündigt, dass die ersten 20 Minuten der Sitz-Meditation herum sind, und dann, die von mir immer ersehnte, 5-minütige Gehmeditation endlich anschließt, um wiederum durch die nächste 20-minütige Sitz-Meditation abgelöst zu werden… Ich öffne die Augen und schaue mich um… ha!… die fehlenden Mitleidenden sind  immer noch nicht da… Die meinen wohl, es ist ein christlicher Sonntag oder sonst was? aber niccht mit mir… na ja, ich will mal nicht so hart sein… aber die sind genauso verpennt wie ich… nur noch besser.

Endlich! der Gong! die ersten 20 Minuten sind nun wohl vorüber! ich will aufstehen… hallo?… wieso verbeugt sich keiner und steht endlich mal auf?… Ein weiterer Gong… was heißt da eigentlich: Gong?… das ist mehr wie eine Glocke… ja, es ist eine Glocke… es ist DIE Glocke, die die Kloster-Mitbewohner wecken soll…. was? die Klosterbewohner wecken soll? das ist doch immer um 5.00 Uhr für die 5.30 Uhr-Prozession! Aber in dieser Prozession sitze ich doch schon längst!

 

Schwan: und dann „schwant“ es mir… ich kapiere es erst jetzt: mein Wecker, oder die Uhr, war falsch eingestellt.. ich befinde mich HIER UND JETZT in der 4.25 Uhr-Freiwilligen-Meditationsrunde.. es gibt keine Wochenend-Befreiung… die Anderen, die zur regulären 5.30 Uhr-Meditation erscheinen wollen und werden, wurden gerade geweckt!… Mit anderen Worten: als ich das erste mal am heeutigen Morgen im Zendo war, war es gar nicht 4.25 Uhr. Es war  3.25 Uhr… Kein Wunder, dass noch Alle schliefen und nichts zu hören war, kein Knarren, kein Nix… und Schlafruhe im Zendo…..

Zwischenfazit dieser Meditationserfahrung:

ZEIT ist echte und reine individuelle Erfahrungsangelegenheit,

ZEIT ist unterschiedlich und ein seeehr dehnbarer Begriff.

FAZIT:

Meditieren, Schweigen, Reden, Essen und Schlafen wurden im Kloster „zelebriert“. Nie habe ich deutlicher deren Sinngehalt erfahren.

Wissen ist Silber, Erfahrung ist Gold.

Tägliche „Highlights“: Frühstück, Mittag- und Abendessen; Gespräche mit Roshi.

F.S. Nakagawa Roshi ist ein Lehrer, der sich durch Lebenserfahrung, Mitgefühl und Nachsicht auszeichnet.

 

A.S., im August 2015

 

….“