Reinigung – August 2015

Hinsetzen – Mund halten: Sitzmediation als Reinigung/Katharsis (κάθαρσις) – Erfahrungen im Zen-Kloster 02/2015

Wenn ich im Zen-Kloster war – wie in 02/2015 – werde ich immer wieder gefragt: Ja – wie war es denn? Ich stelle mir dann die Frage: Wie spreche ich über diese aktuellen Erfahrungen?

Jede und Jeder von Euch hat schon die Erfahrung gemacht, dass Sitzmediation in einer situativ be-lastenden Lebenssituation eine ent-lastende Wirkung haben kann. Man fühlt sich oft nach einer oder mehreren Sitzperioden einfach besser. Sicherlich ist dies auch einer der entscheidenden Gründe wöchentlich zur Sitzmediation zu gehen: Sitzen in der Stille als Loslassen und Verarbeitung aktueller Geschehnisse. Manchmal gibt es eine Häufung von Herausforderungen im beruflichen und privaten Umfeld bei denen mancher an seine Grenzen der Belastbarkeit stößt. Mit einer solchen Häufung von Belastungen sah ich mich konfrontiert und so war für mich klar: Setz dich und halt den Mund – Sitzmediation als Reinigung.

Reinigung/Katharsis (κάθαρσις) bedarf der entwicklungsgeschichtlichen Erklärung, soll sie als verständliche Beschreibung, der in der Sitzmediation ablaufenden Prozesse und damit der Unterstützung und Vertiefung der Praxis der Sitzmediation verstanden werden. Dazu die folgenden Anmerkungen und einige Aspekte aus der europäischen vor-christlichen Tradition (Griechenland), aus der christlichen Tradition und aus der Psychologie heute.

Entlehnt aus dem mythisch-religiösen Denken der Griechen wird Katharsis (κάθαρσις) verstanden als Akt der rituellen Reinigung (Sühne). Aristoteles (*384 v. u. Z. – †322 v. u. Z.) beschreibt Katharsis (κάθαρσις) viele hundert Jahre später in seinen Schriften zur griechischen Tragödie (Poetik) als Akt der Reinigung von Affekten. Der Zuschauer im griechischen Theater durchlebt mit seinen Helden im Theater seine eigenen Affekte ein weiteres Mal, um sich auf diese Weise von ihnen zu reinigen, zu befreien. Affekte verstanden als Gefühle der Lust oder Unlust wie Begierde, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass und Mitleid u. a.

In der christlichen Tradition wird Katharsis als Umkehren im Sinne des Umdenkens interpretiert beginnend mit Johannes dem Täufer „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mat. 3,2) bis hin zu „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“ (Mk. 1,15) im Markusevangelium. (Spätere Geschehnisse und Interpretationen der Reinigung durch das Feuer bedürfen einer separaten Betrachtung.)

In der Psychologie ist die kathartische Methode (1) zu verstehen als das (Wieder-) Erleben und das dadurch mögliche Durcharbeiten von Affekten, das mögliche Loslassen dieser Affekte und der Verarbeitung verbundener Erlebnisse. Dieses emotionale Zulassen, (Wieder-) Erleben und Aushalten von vor- und unbewussten Inhalten wird im Sinne einer Integration von allen psychotherapeutischen Richtungen bemüht.

In der Sitzmediation als eine Form der Achtsamkeitsmeditation wird nun in einem viel umfassenderen und tiefergehenden Sinne das, was ist, beobachtet und zugelassen. In Geistesruhe und Klarheit kann bewusst eine Häufung von Herausforderungen im beruflichen und wie im privaten Umfeld erkannt werden, analysiert werden, ausgehalten werden und den körperlichen wie geistigen Selbstheilungs- und Selbstregulierungskräften überlassen werden. Nach diesen Bereiche der Persönlichkeit einbeziehenden Prozesse der Durch- und Verarbeitung, nach einer Zeit der intensiven Praxis der Sitzmeditation im Sesshin im Zen-Kloster im Schweigen fühle ich mich gereinigt und kann meine aktuellen Aufgaben tatkräftigt (wieder) angehen und bewältigen.

Johannes S. 02/2015

(1) Freud beschreibt seine Vorgehensweise als kathartische Methode bevor er den Begriff der Psychoanalyse prägte. Bei Freud bezieht sich Katharsis auf das, was im Gespräch des Patienten mit dem Therapeuten („Redekur“) stattfindet.