Oster-Sesshin – April 2015

Roshi hat einen Vortag gehalten. Wie immer habe ich ganz normal und
konzentriert zugehört. Er spricht (zufällig ?!) exakt über das, womit ich
mich seit Tagen beschäftige. Was bedeutet Zazen? Was bedeutet es, wenn es
heißt, man muss wissen, weshalb es gilt die Schmerzen auszuhalten. Ich weiß
es nicht.

Plötzlich fallen Worte, die mich ganz tief treffen. Ich bin getroffen,
verstehe, es dringt ein und findet tausendfaches Echo in mir. Antworten!

Zazen ist die Form, der Ausdruck des Selbst in Dir!
Es ist Ausdruck der universellen Würde des Menschen.
Es wirkt nach außen und zeigt den Menschen im Hier und jetzt, in Würde, voll
im Leben!
Wie eine Kirschblüte die Schönheit des Hier und Jetzt, der Welt und des
Universums ausdrückt, so drückt der Mensch in der Zazen Haltung diese
universelle Kraft des Lebens aus.
Des Lebens, welches außerhalb des durch Gedankenillusion erzeugten Lebens
steht!

„Form ist Leere, Leere ist Form.“ Nun verstehe ich, nein erkenne den Gehalt
der Worte.

Nach dem Vortrag ist Sitzen. Und ich sitze. So, wie ich es immer gelesen und
nie verstanden habe. Nun geht es von ganz alleine, wie angeboren. Ich sitze
fest, gerade, verwurzelt, verkörpere die Würde des Mensch-Seins, strahle,
wirke, bin im Hier und Jetzt. Ich bin wach, hellwach, konzentriert, Augen
auf, eins mit der Welt. Der Körper ist angespannt, der Bauch fest und dann
tauchen diese Kundalini-Kräfte wieder auf, die ich ab und zu beim Yoga mit
Cornelia spürte. Kräfte, die den Bauch zusammenziehen, den Rücken hoch
laufen und sich wie reine Energie anfühlen. Schmerzen in den Beinen, ja,
aber nun verstehe ich es. Es macht nichts, es ist gut, irgendwie, warum,
weiß ich nicht.

Bisher war jede Sitzung meines Lebens eine Sitzung in einer der sechs
Welten, wie sie Uchiyama Roshi erklärt.

Ich sitze beim Abendessen, sehe gegenüber Blüten und ich spüre die Kraft,
die Energie, diese Energie, die aus diesem Augenblick hervorgeht, wie ich es
noch nie gespürt habe. Ich spüre die Leere hinter der Form. Energie im
Bauch, Wasser in den Augen.

Ich schreibe dies, habe Tränen in den Augen und meine Gefühle toben warm und
freudig im Bauch. Es ist herrlich.

Zugleich: Angst, es wieder zu verlieren!

Zwei Sitzperioden später.
Die Energie ist die beiden Zazen Perioden geblieben, hat sich immer wieder
aufgebaut und in den Bauchmuskeln entladen. Krampfartig und guttuend. Nun
weiß ich etwas mit der Ermahnung der Meister anzufangen, sich in das Zazen
voll und ganz hineinzuwerfen. Im Moment bedeutet das für mich, alle Spannung
und Gedanken in die würdige Haltung zu werfen.

War die Haltung bisher – trotz aller Worte und Buchstaben der Meister – nur
eine formale Angelegenheit und Mittel zur Meditation, ist es nun zum
grundlegenden Element der Praxis geworden. Die Form des Sitzens im Zazen
wurde seit der Zeit vor Buddha überliefert und ist nun auch für mich die
Verbindung zur Energie, zur Leere, zum Buddha in mir – wie auch immer man es
ausdrücken mag. Sitzen im Lotus oder nur mit gekreuzten Beinen, aufrecht,
voll Spannung und mit aufrichtigem Geist, nun kann ich etwas damit anfangen,
weiß, weshalb.

Danke, Roshi für die Worte heute Abend! Danke für die besondere Art der
Übertragung der lange bekannten Worte an mich, mein Herz!

…..

Nach dem Abendvortrag vom Roshi ist mir klar, dass ich meine Energie wieder
loslassen muss. Wieder scheint das Thema exakt auf meine innersten Fragen
zugeschnitten! Nicht anhaften. Meine schöne Energie, denke ich und bin voll
im Anhaften, gierig sein. Also sitze ich und teile, lasse den goldenen Strom
fließen oder zumindest versuche ich es. Ich denke, es ist alles etwas viel
jetzt. Das muss sich alles mal ein paar Wochen setzen. Dann mal sehn, was
als Essenz übrig bleibt.
…..

Abend

Nun ist der dritte volle Tag rum. Ich sitze im dunklen Zimmer am Fenster,
genieße den Abend.
Genieße den Nachklang der beiden letzten Sitzperioden. Eine extrem
schmerzhafte, in der ich andeutungsweise erkannt habe, wozu der Schmerz
dienen könnte. Er trägt Dich fort, bringt Dich weg von Vergangenheit und
Zukunft. Lass dich hineinfallen oder verzweifle daran! Ich habe mich dann
aus Verzweiflung hineinfallen lassen. Bezüglich der Schmerzen muss ich mir
immer wieder vorhalten, dass ich genau vor einem Jahr wieder laufen gelernt
und heute an einem Sesshin teilgenommen habe. Mit meinen verkürzten Sehnen,
dem gestörten Gleichgewichtssinn, der fehlenden Muskelmassen links und allen
den anderen kleinen Resten der OP Folgen, ist der Halblotus einfach noch zu
schmerzhaft.

Zum Ausgleich gab es noch eine herrlich beruhigende und konzentrierte
Sitzung ohne Lotus. So herrlich, dass ich überzogen habe.

Roshi hat mir auf meine Gedanken heute Vormittag bezüglich meiner Ablehnung
ein Teil des Ganzen sein zu wollen, mit seinem Abend-Vortrag geantwortet.
Erstaunlich! Wie will man versuchen, NICHT Teil des Ganzen zu sein? Es ist
schlichtweg unmöglich. Wie will der kleine Finger nicht Teil des ganzen
Körpers sein? Weiter gefasst heißt es zu verstehen, dass alles immer ganz zu
sehen ist. Krankheit gehört zum Leben. Es ist dumm, nur diesen Teil des
Ganzen zu verdrängen zu versuchen. Es wird nicht klappen, da gesund und
krank zum Leben gehören.

Was bleibt?
Viele neue Fragen.
Viele neue Eindrücke.
Wieder neue Gedanken über mein Verständnis der Idee des Buddhismus.
Die Sicherheit, den richtigen Weg zu gehen.
Die Frage, wie ich den Weg gehen soll.
Die Sicherheit einen Lehrer gefunden zu haben, wie ihn Dogen Zenji forderte.
Das Erlebnis einer Herzensübertragung von einem Meister an mich. Ich will es
so nennen.