Persönlicher Bericht – 2011

Liebe Klostergemeinschaft,

hier, wie versprochen, ein Bericht über meinen Weg durch die Krankheit Burn-Out:

Es passierte im Mai 2011. Es waren viele Ereignisse seit meiner Kindheit, von Familie über Schule bis hin zu meiner Arbeit, aber vor allem die falsche Lebensweise, die dazu beigetragen haben, dass es passierte. Ich brannte aus und wurde depressiv oder wie es so schön in Neudeutsch heißt, ich bekam einen Burn Out.
Ja es war an einem Montag morgen. Ich bereitete mich noch am Sonntag davor für die Arbeit vor, machte den Wochenplan, stellte die Kundenmappen zusammen und ging zu Bett. Als ich morgens aufwachte putzte ich mir wie gewöhnlich die Zähne, aber irgendetwas war anders. Ich fühlte mich schlecht, sicher liegt es daran, dass ich nicht ausgeschlafen bin, dachte ich und fuhr mit meiner morgendlichen Vorbereitung für den Tag fort, doch plötzlich verlor ich den Faden. Irgendwie brach alles zusammen und es war ein Chaos im Kopf. Ich verstand nicht was geschah und ich wusste auch nicht was ich überhaupt tun soll. Ich bemerkte eine Wut in mir aufsteigen und es wurde schlimmer und schlimmer. Ich versuchte durchzuatmen und schien dabei zu hyperventilieren. Meine Arme und Beine fingen an zu kribbeln und wurden taub. Ich konnte nicht mal stehen, geschweige denn gehen. Als es etwas abklang, ging ich sofort zum Arzt. Ich befürchtete es bereits, und als ich bei Frau Doktor saß stellte sie mir ein paar Fragen an die ich mich auch gar nicht mehr erinnere. Ich weiß nur noch, dass sie sagte, sie befürchte es sei ein Burn Out. Ich wollte dies natürlich nicht wahr haben und meinte sie solle mir einfach nur einen Krankenschein ausstellen damit ich mich ein wenig zuhause erholen kann. Sie gab mir einen für eine Woche. So kam ich die Woche später wieder ohne irgendeine Besserung zu verspüren. Im Gegenteil, mir ging es immer schlechter. Ich wurde allen gegenüber immer aggressiver. Sie verschrieb mir leichte Antidepressiva, die mir dann helfen sollten. Nach insgesamt drei Wochen hatte ich es satt. Ich ging wieder zu der Ärztin und bat sie um eine Endlösung und nicht eine Symptomlinderung. Sie meinte die einzige Chance wäre eine Klinik. Eine Psychiatrie wäre sofort möglich oder eine psychosomatische Klinik in der Nähe mit etwas Wartezeit. Ich beschloss etwas zu warten und in die psychosomatische Klinik zu gehen, weil ich nicht mit Medikamenten vollgepumpt werden wollte. Einige Wochen später war es auch soweit. Mit etwas Glück bekam ich recht zügig einen Platz und durfte auch sofort in die Klinik. Dort lernte ich eine Menge netter Menschen kennen, die alle mit ihren eigenen Problemen da waren. Keiner jedoch konnte verstehen, warum ich in dieser Klinik war und wenn ich den anderen Patienten die Gründe nannte, konnten sie es kaum glauben, weil sie mich eigentlich als einen netten aufgeweckten jungen Mann sahen. Was jedoch hinter der Fassade passierte, konnte ich noch ein wenig verbergen bis eine Tages während ich beim autogenen Training versucht habe zu entspannen, jemand laut die Türe nebenan zuknallte. Ich wurde richtig aggressiv und war kurz davor raus zu gehen und denjenigen körperlich zu attackieren. Da erlebten meine Mitpatienten den echten Albert. Ich wusste, ich muss selbst etwas tun. Ich ging in eine Buchhandlung und schaute die Regale  durch unter Psychologie/Selbsthilfe. Irgendwie sprach mich nichts an. Neben dran war ein Bestsellerbuch von Thorsten Havener „Ich weiß was Du denkst“. Obwohl das Buch eigentlich nichts gemeinsames mit meinem Problem zu haben schien, wollte ich dieses Buch unbedingt lesen, was ich auch tat. Nach drei Tagen war ich durch mit dem Lesen und ich fühlte mich wie Neugeboren. Thorsten Havener sprach nämlich davon auf die Signale der Menschen zu achten und diese zu deuten und das ganze ginge nur mit Achtsamkeit. Mir gefiel dieses Wort und ich begann viel darüber nachzudenken. Ich kam zu dem Entschluss, dass es das sein muss, was mich aus dieser Krise raus holt. Ich verspürte einen unheimlichen Drang nach Freiheit. Frei wie ein Vogel sein. Ich horchte in mich hinein, wie ich das in die Tat umsetzen könnte. In die Berge fahren, auf einem Pferd reiten? Nein, ich muss pilgern – die Idee war geboren! Ich beschloss dies und sehnte den Tag der Entlassung herbei um endlich los zu gehen. Und da war er.
Ich kam nach Hause und erzählte meiner Frau von meiner Idee und die bekam es verständlicherweise mit der Angst zu tun. Es war schon viel, dass da ein anderer Mensch vor ihr stand und dann wollte dieser aus Drang nach Freiheit auch noch pilgern. Sie dachte auch darüber nach, ob ich sie womöglich dann auch verlassen würde. Ich versuchte sie zu beruhigen und ihr zu sagen, dass ich das jetzt einfach brauche und sie keine Angst zu haben braucht. Doch dann geschah ein Wunder. Wir erfuhren, dass sie schwanger ist und ich fing an darüber nachzudenken die Reise nicht zu machen. Und dann dachte ich, nein, der Entschluss ist gefasst. Ich muss es einfach nur tun. Ich packte ein paar Sachen, nahm 100,-€ mit und begab mich auf den Mosel Camino von Koblenz nach Trier über den Jakobsweg. Ich wusste nicht wo ich übernachte aber das war auch nicht wichtig. Ich verspürte die Sicherheit, dass alles gut werden wird und so ging und ging ich. Abends klopfte ich auf dem Weg durch Dörfer bei Pfarrern an um zu fragen, ob sie mir einen Platz zum Übernachten zur Verfügung stellen würden und fast ohne Ausnahmen klappte es. Zwei mal übernachtete ich jedoch in Pilgerherbergen und lernte gastfreundliche Menschen kennen, wie ich sie noch nie im Leben erlebt habe. Ich hätte nie gedacht, dass es in Deutschland Menschen gibt die mich, einen unbekannten bärtigen  Mann mit Pilgerstab und Rucksack, wie ihren eigenen Sohn voller Nächstenliebe und Freundschaft begegnen würden. Aber noch eine Sache lernte ich dabei, die Achtsamkeit. Bei jedem Schritt und jedem Atemzug war ich einfach nur in diesem Moment da. Ich verspürte unfassbares Glück auch wenn der gesamte Körper durch die Strapazen schmerzte. Ich bin frei, etwas was mir keiner geben oder nehmen kann. Nach sieben Tagen kam ich in Trier an und ließ mich dort abholen. Ich fuhr nach Hause und wusste, das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Ich begann mit dem Rehasport und ging wieder arbeiten. Den Rehasport leitetete eine junge Frau, die eine besondere Ausstrahlung besitzt und der ich sehr viel zu verdanken habe. Sie sagte mir, dass sie sich gut vorstellen könnte, dass mir mal ein paar Tage in einem japanischen Kloster gut tun würden. Sie gab mir die Adresse für die Internetpräsenz des Zen-Klosters in Eisenbuch. Ich beschloss im Oktober 2011 dort hin zufahren. Ich wusste nicht was mich erwartet, ich spürte bloß dass es richtig war. Auch dass hier Achtsamkeit geübt wird und was Buddhismus heißt wusste ich überhaupt nicht. Als ich ankam wurde ich gleich beim Betreten des Geländes des Kloster von einem magischen Gefühl der Vertrautheit übermannt. Es war als ob ich dort angekommen wäre, wo ich schon immer hin wollte.

Nun Ist es Mai 2012 und ziemlich genau ein Jahr nach dem Beginn des neuen Lebens. Ich liege gerade auf einem Bett im Zimmer 27 in diesem unbeschreiblichen Ort voller Spiritualität und Weisheit und schreibe diese Erinnerungen auf um zu zeigen, dass der Weg mich genau hierher geführt hat und so hoffe ich liebe Leser, ja ich bin sogar versucht zu behaupten, dass ich überzeugt bin, dass Ihr diese Weisheit alle erleben werdet, wenn Ihr hier her kommt und dieses Geschenk annehmt. Das Leben ist eine einzige Achtsamkeit,lang genug um es zu leben und viel zu kurz, um es zu vergeuden. Es ist mein zweiter Besuch, ich bin beim Offenen Kloster. Übrigens ist nun auch mein Sohn zur Welt gekommen, er wird nächste Woche 4 Wochen alt. Das nächste mal werde ich mit meiner Frau kommen, denn auch sie weiß nun, dass die Achtsamkeit das Maß aller Dinge ist und vielleicht lieber Leser, laufen auch wir uns über den Weg und Sie erzählen mir Ihre Geschichte der Entdeckung der Achtsamkeit. Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben diesen Brief zu lesen und Wünsche Ihnen nur eines: Erlangen Sie die wahre Weisheit des Lebens und das Glück verlässt Sie nie.

Liebe Grüße

Albert