Altar in Buddha hall at Daihizan Fumonji (Eisenbuch)

Spiritualität und Musik

Beten und Musizieren – Spiritualität und Musik

Sehr grob gesehen können wir zwei verschiedene Kulturen oder Kulturformen erkennen – heute spürt man sie immerhin noch als Grundströmung, als „Boden“ – eine Kultur des „Sein“ und eine Kultur des „Nichts“. Musik in der Sein-Kultur des Westens ist aus dieser Sicht klar und logisch gebaut, besonders die so bekannte Musik von Bach mit komplizierter Musiktheorie. Auch etwa am Beispiel der Bauweise sieht man: Alles ist klar geordnet nach Rechtecken, Quadraten, Kreisen usw., nach Mustern, wie sie die Menschen gut verstehen können. Die östliche Kultur des Nichts wird auch Kultur der Leerheit bezeichnet. Das indisch-buddhistische Wort für Leerheit ist „Shunyata“. Leerheit ist das Zentrum, das Wesen, die Essenz des Ganzen. Für unser eigenes Leben heißt das: Wir sind aus dem Nichts gekommen und gehen wieder ins Nichts zurück, und im Jetzt als Zwischenstation sind wir auch im Nichts. In der spirituellen Musik des Ostens können wir das Nichts erfahren. Ein Meister spielt Shakuhachi (Bambusflöte): Wir hören Töne, aber wir bekommen das Gefühl, er ist gar nicht da; der Wind weht, der Wind stellt Klänge her, durch seinen Körper, durch das Instrument Bambusflöte. Irgendein konsequent ausgedachtes System in dieser Musik, eine Theorie gibt es nicht.

Heute sind diese beiden Kulturformen nicht mehr so leicht zu trennen. Östliche Meister und Shakuhachi-Musik sind hier bei uns, westliche Menschen praktizieren Zazen, einen Meditationsweg des Ostens, und der Osten selbst bekommt so viele Einflüsse aus der westlichen Kultur. Erstaunt las ich kürzlich ein Kommentar-Werk eines bekannten östlichen Buddhologen über alte buddhistische Texte. Es war, als ob ich einen Kommentar über die Kantsche Philosophie lese, der Buddhologe denkt von der westlichen deutschen Philosophie her und interpretiert buddhistische Texte! Und ihr im Westen macht es umgekehrt, nicht wahr, auf der westlichen Flöte spielt man Shakuhachi-Musik, auf einem westlichen Instrument soll östliche japanische Musik zum Ausdruck gebracht werden. So können wir heutzutage nicht mehr so leicht die beiden Kulturformen auseinander halten. Aber obgleich beide in uns vermischt und zusammengeschmolzen leben, sind in uns diese jeweiligen ursprünglichen Elemente immer als Boden vorhanden, egal, wo wir leben.

Beten hat viele Aspekte, die in den verschiedenen Kulturen sichtbar werden. Beten zeigt sich in der Form loben, Dankbarkeit ausdrücken, in der Reue, Zufluchtnahme, im Gelübde als einer reifen Form des Dienens, in der Form der Künste im Gesang, Tanz, Malen, Gartenbau usw. So können wir Dankbarkeit, Freude, Glück und Hoffnung ausdrücken, die auftauchen, wenn wir in der Spiritualität die Wurzeln unseres Seins spüren. Beten ist eben nicht nur bitten. Wenn wir im Beten das Nichts praktizieren, sind wir vom Göttlichen getragen im Jetzt-Hier, in tiefster Freude und Dankbarkeit. Deshalb Musizieren wir. Dieses Musizieren, dieses Beten hat viele Varianten: Kochen, aufs Klo gehen, Kinder erziehen, usw. Das ist nicht übertrieben, Zenmeister Dogen Zenji schreibt aus dieser Sicht. Zum Beispiel schreibt er genau die Verrichtungen beim Klogang, begrüßen, Hose ablegen, Büchse nehmen, Räucherwerk duften lassen, usw.; alles viel eleganter als wir das heute leben können, selbst im Fünf-Sterne-Hotel. Den Weg in den Verrichtungen des Alltags verwirklichen, jeden Augenblick, an jedem Ort, das ist Beten und Musizieren in der Realisierung des Göttlichen.

In beiden Kulturformen wird Musik sehr oft im Modus „Sein“ praktiziert: Hier der Mensch, vergänglich und in der Relativität, der den absoluten Gott lobt. Aber diese Sicht gilt nur für eine bestimmte Ebene und ist nicht unbedingt allgemeingültig. An den Predigten Meister Eckharts aus dem westlichen Kulturkreis z. B. sieht man sofort: Mit „Beten“ meint er nicht beten zu Gott. Vom Einssein mit Gott spricht Eckhart, es gibt nicht mehr die Trennung – hier der betende Mensch, dort Gott. Beten ist: mit Gott eins sein. Deshalb, so sagt er, gibt es gar nichts mehr zum Beten und Bitten, sonst wären wir ja noch nicht eins mit Gott. Das ist eine tiefe mystische Aussage des Westens.

Im Einssein des Absoluten betet, musiziert das Göttliche in sich selbst. Es gibt, vom Menschen her gesagt, nichts mehr, das wir bezeichnen könnten. Der Mensch als Werkzeug des Göttlichen soll sich fortwährend vernichten, vernichten, vernichten, als Wesen zu sein und zum reinen Werkzeug des Nichts werden, d.h. sich selbst ständig als Opfer darbringen, sich zum Nichts bringen. Musizieren ist dieser Prozess. „Das mache ich gut“, „ich spiele so, ich mache es auf diese Art“, das können wir niemals sagen, denn das ist der Ich-Geist, und der ist kein gutes Instrument für das Absolute. Der egozentrische Geist, der etwas Schönes machen will, ist gerade dann nicht zum Nichts geworden. Hier im Westen ist es immer so wichtig zu wissen, wer spielt, wie ist der Name des Komponisten, spielt sie gut, wer war besser usw.? Aber alle sind Werkzeug des Göttlichen, drücken Göttlichkeit aus, alle sind gleich, ob gut oder schlecht, denn es ist sowieso der göttliche Ausdruck. Eine so große Vielfalt des Ausdrucks haben wir in der Natur draußen, so viele verschiedene Bäume, Pflanzen, Steine, Kreaturen.

Beim Zazen ist es ähnlich. Wenn wir denken: Jetzt meditiere ich, dann sind wir noch nicht eins mit dem Nichts. Wir sollen das Werkzeug des Zazen selbst werden, Zazen sitzt Zazen. Natürlich, zwar ist es gut, sich schön vorzubereiten, wir kommen, waschen die Hände, entzünden ein Räucherstäbchen, setzen uns zur Wand hin, atmen ein – aus, atmen mal länger aus, usw. Wenn wir aber auf dem Kissen so weiter meditieren und uns selbst betrachten (im buddhistischen Raum gibt es diese Art auch, von dieser spreche ich hier aber nicht), dann ist das Bewusstsein des Meditierens da, das ist noch nicht Nichts, das Zazen ist noch nicht Zazen. Zazen ist die reine Realisierung des Betens selbst, wie ich oft sage, Meditierende gibt es dann nicht mehr. Wenn du beim Zazen denkst „ich will leer werden, leer werden“, dann ist dein Ich-Bewusstsein da. Wenn du hinterher sagst „es kamen so viele Gedanken“ oder „ draußen war es eine ganze Stunde lang so störend laut“, oder wenn du über deine eigene Erfahrung beim Zazen sprichst, dann hast du gar nicht Zazen gemacht! Du hast deine eigene Zeit verbracht, bist nicht Werkzeug geworden.

Hier ist das Buch von Eugen Herrigel „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ sehr bekannt. Bogenschießen hat nach westlicher Denkweise den Sinn, mit dem Pfeil das Ziel zu treffen. Aber Herrigels Meister sagt „nein“! Bei der Übung des Bogenschießens geht es um den Prozess des Nichts Werdens, um das Eins Werden mit Shunyata in Shunyata, um das Realisieren der Leerheit, das Wesen des Ganzen. Wer realisiert? Shunyata selbst. Wie? Durch uns Menschen. Dieser Prozess ist Musizieren, oder, auf das Zazen bezogen: Das Sitzen betet im Sitzen zum Sitzen. Das Selbst betet in sich selbst zu sich selbst. Wenn wir als Menschen leer werden, dann tritt das Göttliche, das Absolute in Erscheinung. Dann können wir von der Erlösung des Menschen sprechen, weil es keinen Menschen mehr gibt, der duch Gott Erlösung bräuchte. Das ist absolute Erlösung. Deshalb sollen wir das Nichts werden, das Eins-Sein mit dem Göttlichen ständig praktizieren, dieser Prozess ist das Leben selbst. Praktizieren heißt, der Weg praktiziert durch uns den Weg selbst. Dies ist absolutes Eins-Sein. In anderen Worten. Das Nicht-Zwei wird fortwährend realisiert. Nicht-Zwei (jap. fu-ji) aus der japanisch-buddhistischen Terminologie ist ein hervorragender Ausdruck. Das Wort Eins-Sein setzt etwas stärker ein vorher gegebenes Zwei voraus. Mit dem Ausdruck „Nicht-Zwei“ aber wird gerade dieses Zwei vernichtet vom „Nicht“ des Nicht-Zwei.

Auf dieses Eins-Sein mit dem Göttlichen, das Nicht-Getrennt-Sein vom Absoluten von Anfang an, weist uns in einer alten Geschichte der einfache Bauer und Amithaba-Praktizierende Myokoni hin. Jemand fragt ihn, den Greis, nach seinem Alter. Er antwortet: „Ich bin so alt wie Buddha.“ „Wie alt ist denn dann der Buddha?“ „Ach, meinem Alter gleich.“

Ich und das Instrument, das Nicht-Zwei. Stimmt das überhaupt? Am Anfang bringen wir keinen Ton heraus, pfffhhh, Instrument, Atmung und ich sind so weit voneinander entfernt wie Mond und Erde! Aber Übung macht den Meister, heißt es ja. Und was bedeutet üben? Eins werden! Auch wenn wir durch unseren Mund Brot und Reis bekommen, die Flöte nur unsere Luft, auch wenn wir nicht mit unserem Instrument ins Bad gehen und es auch nicht anziehen: Wir sind dennoch nicht getrennt davon. Wenn wir wirklich spielen, als ob das Instrument unser Körper wäre – nein: Beide sind schon von vornherein Nicht-Zwei – dann realisieren wir durch das Spielen das Nicht-Zwei. Und diesen Prozess sollen wir in unserem gesamten Alltagsleben anstreben. Das ist eine Reinigung unseres Geistes, wir werden eins mit uns selbst. „Mit uns selbst“ fügen wir noch extra hinzu, weil wir uns das Ich als etwas vom Absoluten Getrenntes vorgestellt haben.

Von der Musik her gesehen ist die ganze Welt der Klang des Göttlichen. „Hallo, wie geht ´s denn?“, das ist der Klang deiner momentanen Stimmung. Durch die soll das Absolute klingen, und wenn du schlechte Laune hast, dann bist du total entfernt von deiner Wurzel. Aber dein Herz macht immer göttliche Musik, tack, tack, tack, ohne dein Zutun, ohne Anfang und ohne Ende.

Aus der Sicht des Menschen können wir vom Hinweg zum Absoluten im Beten sprechen, und vom Absoluten kehren wir in diese Welt zurück, Rückweg genannt. Hinweg – Rückweg, oso – genso. Das ist aus dem Sein gesprochen: Wer geht hin, kehrt zurück? Du, der Mensch. Das ist eine große Freude und ein Einssein in dieser Welt. Im Zen gibt es das Wort „Tag um Tag ein guter Tag“, weil jeder Tag göttlich ist. Hässliche Tage gibt es nicht, und darum gibt es auch keine göttlichen.

Das Musizieren als Prozess können wir sehen als Hin- und Rückweg zum Absoluten. Der Hinweg des Menschen zu Gott, zum Absoluten, zu Buddha; das Beten, das Musizieren ist von Gott her gesehen der Rückweg, und der Hinweg des Absoluten zu uns – ja, das Göttliche kommt zu uns – ist unser Rückweg. Bei dieser Bewegung, diesem Prozess ist das Ich nicht weit! Das muss sofort vernichtet werden durch die Wahrheit des Nicht-Zwei, zack, zack, zack, wie beim Sitzen: „Noch 10 Minuten aushalten…“, da ist das Ich-Bewusstsein! Zack, darüber hinausgehen! „Ich genieße die Stille…“, da ist das Ich wieder gekommen, zack, das Ich vernichten, leer werden. Hin- und Rückweg sind ständig Nicht-Zwei. Deshalb müssen Musizierende wirklich gut üben, denn das Göttliche verlangt es: „Du sollst ein gutes Instrument sein, für mich, nicht für dich“, sagt das Göttliche. Für dich bist du dann vielleicht der weltberühmte Künstler, bist besser als alle anderen. Aber doch niemals vergleichbar mit dem Absoluten. Bei dieser Musik, bei diesem Musizieren können wir die Güte des Göttlichen erfahren. Deshalb bekommen wir beim eigenen Musizieren und auch beim Zuhören Liebe, Freude, Kraft, Glück, und Weisheit geschenkt.