Altar in Buddha hall at Daihizan Fumonji (Eisenbuch)

Tag um Tag ist guter Tag

Vortrag von F.N. Roshi am 08. 09. 2008

Heute haben wir den achten Tag dieses Sesshins. Übermorgen, am zehnten Tag, ist es zu Ende. Zehn Tage sind eine gute Zeit. Und doch möchte ich gleich anfügen, zwei Wochen wären noch besser, und wenn es ginge, ein ganzer Monat, oder drei Monate. Das wäre nämlich dann eine vollständige Übungsperiode, wie man sie schon zur Zeit Buddhas praktiziert hat. In Indien gibt es die Regenzeit. Und weil man da nicht wandern konnte, blieben Mönche und Nonnen während der Regenzeit an einem bestimmten Ort und führten zusammen neunzig Tage lang eine Trainingsperiode durch, japanisch ango genannt. Diese Tradition kam später nach China. Dort ist es die Winterzeit, in der man wegen der Kälte nicht wandern kann. Deshalb haben die Chinesen das Winter- Ango eingeführt, und später auch noch ein Sommer-Ango, also zwei Trainingsperioden pro Jahr. Während dieser Perioden mussten Mönche und Nonnen im Kloster bleiben. Wenn jemand von ihnen während dieser Ango-Zeiten außerhalb der Klosteranlagen angetroffen wurde, reagierten die Leute skeptisch: Ist das wirklich ein Mönch, eine Nonne?

Leider haben die Trainingsperioden in China und auch in Japan immer mehr ihren ursprünglichen Inhalt verloren, sie sind im Lauf der Zeit zum Formalismus geworden, zu einem bloßen Ritual. Heutzutage ist das klassische Ango fast ganz verschwunden, abgesehen von einigen kleinen Klöstern in Japan und einigen Klöstern in den USA.
Ango-Training bedeutete ursprünglich: neunzig Tage lang morgens um zwei Uhr aufstehen und abends um zehn Uhr ins Bett gehen, also eine Schlafzeit von weniger als vier Stunden. Außerdem hatte man nur eine Mahlzeit pro Tag. Solche Art Praxis wurde von Buddha ‚auf dem mittleren Weg gehen‘ genannt. Damals hat man eben die Dinge anders gesehen als heute. Sowieso führte man ein härteres Leben – nicht nur Mönche, sondern auch Bauern, Fischer und Kaufleute. Und doch wurde Buddha, trotz dieser, von uns aus betrachtet, sehr anstrengenden Praxis, 80 Jahre alt! Das ist für damalige Zeiten unglaublich. Heute ist das nichts Besonderes, heute lebt man ja im Durchschnitt viel länger als früher. Aber ist die Qualität des Lebens besser geworden?

Sawaki Kodo Roshi, der zur Generation meines Großvaters gehört, hat diese alte Form der Praxis wiederbelebt. Er stand mit seinen Kollegen um zwei Uhr auf und ging um zehn Uhr schlafen. Genau gesagt: er legte sich nicht hin, sondern schlief im Sitzen, in der Zazen-Form. Ab und zu fiel er dann um, auf den Boden. Ich habe diese Praxis selber auch versucht, in der Mühle im Allgäu. Das geht nur, wenn man sich langsam daran gewöhnt. Man braucht dazu vor allem ein starkes geistiges Bedürfnis, einen starken Willen und eine gute körperliche Kondition, außerdem das ausgewogenes Essen und natürlich den regelmäßigen Tagesrhythmus. Alles muss stimmen.

Im Fernsehen gab es einmal eine Reportage über das Training in einem japanischen Rinzai-Kloster. Man sah, wie sie zu Beginn des Rohatsu-Sesshins die Futon-Matrazen und die Betten wegräumten. Die Mönche schliefen dann auf ihrem Sitzkissen. Das war dann auch die einzige Kyosaku-freie Zeit, d.h. die Mönche wurden nicht mit dem Kyosaku geschlagen, wenn sie so sitzend schliefen. In der Reportage sah man jüngere Mönche im Studentenalter, die gerade aus der Uni, aus der Großstadt gekommen waren, überhaupt nicht gewohnt an diese Art von Sesshin, auch nicht an das Mönchsleben. Während des Zazens schliefen sie ständig ein, auch tagsüber. Sie hatten größte Mühe.

Man muss also schon an eine solche Praxis gewohnt sein. Erst wenn alles zusammenpasst, Essen, Sitzen, Arbeiten, Tagesrhythmus, dann kann man in einen geistigen Zustand kommen, in dem man das Leben als leicht und fröhlich erfährt. Ich habe durch eigene Erfahrung verstanden, dass ein solches Training keine Askese ist, obwohl es so aussieht.

Früher mussten Mönche auf jeden Fall sehr gesund sein. Sie mussten viel wandern, China ist so groß. Sie mußten tausende Kilometer laufen, um einen Meister zu besuchen.
Und doch schafften das manche eben nicht. Es ist ein Gespräch überliefert, das Tozan-Zenji mit einem sterbenden Mönch geführt hat. Als der Mönch fragte, wohin er wohl nach dem Tod gehen werde, antwortete Meister Tozan: „Du gehst dorthin, wo der Maulbeerbaum wächst.“ Das bedeutet schlicht: Du wirst dort unter diesem Baum bestattet werden. Diese Antwort ist so einfach, so trocken. Leben hieß damals, viel direkter als heute, jederzeit dem Tod ausgesetzt sein. Wandern bedeutete nicht nur, tausende Kilometer zu laufen, sondern ständig sein Leben zu riskieren, immer ging es um Leben und Tod. Wie hätte man einen Meister besuchen können, wenn man nicht ernsthaft bereit war, sein eigenes Leben zu riskieren? ‚Tag um Tag ist guter Tag‘, das heißt daher eigentlich: ‚Tag um Tag auf Leben und Tod‘.

Im Vergleich dazu ist unser Leben heute sehr gemildert, sehr geschützt. Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit, dass wir am Leben sind. Das führt dazu, dass wir manchmal das Leben in seiner ganzen Wirklichkeit kaum mehr spüren können. Das ist ein großer Nachteil. Eigentlich sollten wir ganz bewusst das zurückholen und uns vergegenwärigen, was wir wirklich brauchen. Deshalb drehen wir morgens und abends beim Sitzen das Licht nicht zu hell an, das Essen gestalten wir schlicht und wir verwenden beim Kochen nicht viele Extra-Zutaten.

Man sagt, Asien und Afrika sind arm. Doch das hat auch einen Vorteil: Die Leute leben mehr mit der Natur. Wir sollten die ursprüngliche Kraft zum Leben bewusst in uns erwecken, sonst spüren wir gar nicht mehr, dass wir wirklich da sind.
Wenn eine Schwierigkeit, z.B. eine Krankheit, auftaucht, reagieren wir gewöhnlich mit Gedanken und Emotionen. Wir bereuen dann vielleicht, dass wir keine ausreichende Versicherung abgeschlossen haben. Doch tatsächlich ist eine solche Reaktion nicht angemessen und eigentlich überflüssig, es ist eine sehr begrenzte Reaktion. Wir können so nämlich die Schwierigkeit gar nicht annehmen, wir beklagen uns nur über uns selbst und über die anderen.

Zazen ist eine Frieden bringende Praxis. Alle Menschen haben Probleme mit dem Leben. Wer überhaupt kein Problem hat, ist entweder heilig oder dumm. Es gibt auch dumme Heilige. Ein Heiliger könnte tatsächlich wirken wie ein Dummkopf, er kümmert sich einfach nicht um weltliche Dinge – genau wie eben ein Dummkopf.

Wir leben in einer sogenannt zivilisierten Welt. In der Zazen-Praxis sollten wir uns allerdings darüber klar werden, dass unsere Situation sich jederzeit vollständig ändern kann. Dazu sollten wir bereit sein. In einer Ehe ist es zum Bespiel genauso wie bei der Krankenversicherung: so wenig wie diese uns vor dem Ausbruch einer Krankheit schützt, so wenig schützt uns der Ehevertrag vor einer unvorhersehbaren Änderung in der Beziehung. Wirklich gesichert ist da gar nichts. Das Leben wirkt immer wieder neu, auch in einer Partnerschaft, und in jedem Einzelnen sowieso. Unsere heutige Gesellschaft sieht so aus, als ob sie immer stabil bliebe. In Wirklichkeit ist sie das natürlich nicht. Wenn wir ruhig werden und das Leben in uns selbst reflektieren, wird uns das klar.

Frieden heißt Frieden selber praktizieren. Das beginnt damit, in sich selbst, mit sich selbst zum Frieden zu kommen, sich mit den eigenen Schmerzen und Verletzungen auseinanderzusetzen und die dazugehörigen Emotionen zu verarbeiten. Wenn wir dabei immer noch bei anderen eine Schuld sehen, dann kommen wir nie zum Frieden mit uns selbst, weil die anderen, die wir als die Schuldigen sehen, ständig störend vor uns auftauchen.

Wenn man ohne Schuhe über jede Art von Boden wandern müsste, wäre das bald sehr schmerzhaft, man würde sich verletzen. Wenn man gute, feste Schuhe trägt, läßt es sich erträglich wandern, wo und wohin auch immer. Diese festen Schuhe, das ist die feste, die stabile Praxis. Vergangenheit ist nicht nur das, wovon wir ein klares Bewußtsein haben. Wenn wir ruhiger werden, tauchen viele Dinge, viele Geschichten aus dem Unbewussten auf. Es geht dabei darum, mit der auftauchenden Geschichte klarzukommen. Wir müssen aber zu diesem Klarkommen überhaupt erst einmal bereit sein. Diese Bereitschaft ist sehr wichtig, denn erst dann kann sich unser Geist mit eigener Geschichte auf wirklich heilsame Weise auseinandersetzen.

Manchmal bekommen wir das Gefühl, als ob wir hier, an diesem Ort oder wo auch immer, schon einmal gewesen wären. Es gibt Leute, die wissen das sehr konkret. In der ursprünglichen Buddhalehre spricht man über solche Dinge nicht. Dazu gehören auch die Fragen, wie die Welt ihren Anfang genommen hat und wie das Ende sein wird. Weil man in Indien so oft und so viel über Wiedergeburt und ähnliche Themen gesprochen hat, über die wir eigentlich nichts wissen, hat Buddha sich darauf beschränkt zu lehren, wie wir jetzt sind, was unser Leben jetzt und hier ausmacht. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Vergangenheit gäbe. Was man gerade jetzt in diesem Moment braucht und wissen muß, erfährt man, wenn man sein Herz offen hält. Und was man so erfahren hat, kann nur ein kleiner Ausschnitt und nie das Ganze sein. Diese selbstreflektierende Wahrheit ist der Kern der Praxis des Übenden.

‚Vom langen Sitzen müde.‘ Wenn ich das klar empfinde, wenn ich mir als Mensch dessen klar bewusst bin, dann ist da keine Übertreibung. Mir ist dann auch klar, dass es nichts zu beklagen und nichts zu erwarten gibt. Alles ist vollständig erfüllt damit, dass ich jetzt so bin, dass ich z.B. jetzt eine Tasse Tee empfange. In diesem Moment praktizieren wir den Ursprung des Lebens.

So ist auch unsere gemeinsame Essübung. Ohne Essen gibt es kein Leben. Wir praktizieren gemeinsam den Ursprung des Lebens in der Form der Essübung. Dabei teilen wir uns in zwei Gruppen auf. Eine Gruppe serviert, die andere empfängt. Wer Essen empfängt, gibt nur ein winziges Zeichen: Danke, es ist genug. Die Empfangenden werden bedient. Die Servierenden fühlen sich wohl, weil sie den anderen in dieser gemeinsamen Praxis dienen dürfen. Dadurch entsteht eine heilige Gemeinschaft, da können wir den Ursprung des Lebens spüren. Genauso ist auch der Raum, in dem wir sitzen, heilig, spirituell rein. Da gibt es keine Ich-Wünsche, keine Ich-Erwartungen, keine Ich-Überheblichkeit, keinen Ich-Hass. Jeder Mensch, der hier praktiziert, respektiert sich selbst und die anderen, begegnet sich selbst und den anderen mit offenem Herzen. In Jedem wirkt diese heilige Kraft, Jeder ist heilsam, und der Übungsraum strahlt heilsam auf die Übenden zurück. So wirkt der Ursprung des Lebens in jedem einzelnen Menschen.

Das sollte eigentlich die Grundlage für das Leben in der Gesellschaft überhaupt sein. Was gäbe es denn sonst? Ichbezogene, nach Profit jagende Begierde? Daraus entstehen nur Hass und Unzufriedenheit, weil man immer noch nicht genug hat, im Vergleich mit anderen. Das ist alles Ursache von Leiden. Wir praktizieren hier die Ursache des Leidens bewusst, das heißt, wir klären die Ursache. Wir lernen, mit uns selbst friedlich umzugehen und dadurch den anderen heilsam zu begegnen. Das ist die Grundlage für das Leben in deiner Familie, in deinen Beziehungen und in der Gesellschaft. Daraus entsteht: ‚Tag um Tag ist guter Tag‘.