Kalligraphie Genjokoan Buddhahall Fumonji

Zen

Viele Japaner sind der Meinung, dass Deutsche ZEN nur sehr schwer verstehen können. Dazu ist zu sagen: Dem Wesen der Zazen-Übung nach geht es um M e n s c h -Sein. Ob ich als Japaner oder Deutscher lebe, das ist sekundär. Das heißt: M e n s c h -Sein schlechthin verlangt Zazen-Übung. Die Zazen¬Übung ist immer schwierig, für jeden Menschen, ganz gleich in welchem Land er geboren ist; die Schwierigkeiten ergeben sich nicht daraus, dass jemand Deutscher ist und eine andere Mentalität hat als ein Japaner. Gerade dadurch, dass ich Deutschen Zazen lehre, wird mir das Wesen der Zazen-Übung als einer allgemeinen Übung zum Mensch-Sein sehr klar. Unterschiede von Rassen oder Kulturen sind hier gegenstandslos. Allerdings sitzt bei den Japanern die Meinung – es ist fast ein Vorurteil – sehr fest, Zen oder Zazen sei eben ganz spezifisch japanisch und deswegen unmöglich zu verstehen, ohne tief in die japanische Kultur einzutauchen.

Was die Zen-Kultur betrifft, mag diese Auffassung richtig sein, denn hier geht es um die Künste, die vom Zen-Geist geprägt sind: „Chado“ (der Weg der Tee¬Zeremonie), „Ikebana“ (der Weg des Blumensteckens), „Shodo“ (der Weg der Kalligraphie), „Budo“ (der Weg der kriegerischen Fertigkeiten), um die wichtigsten zu nennen. Sie stammen aus dem mittelalterlichen Japan oder sind in der Zeit danach entstanden und gehören zu einer hohen geistigen Kultur, die unter dem Einfluss von Zen-Mönchen gewachsen ist oder von Zen-Mönchen selbst geschaffen wurde. Natürlich ist diese geistige Kultur japanisch, sind diese Künste japanisch. Dank der Bemühungen von Japanern sind solche Übungswegen heute weltweit bekannt, sie werden gelehrt und gelebt. Selbstverständlich gibt es dabei große Unterschiede zwischen den Japanern und all denen, die aus anderen Kulturen kommen und eine andere Mentalität haben. Die Bemühungen zielen gerade darauf ab, die hochentwickelten originalen japanischen Künste weltweit bekannt zu machen. Wegen ihrer Andersartigkeit, ihrer unergründlichen Tiefe und Ihrer unendlichen Feinheit besitzen sie für Ausländer (Nicht-Japaner) einen unerschöpflichen Reiz, und deswegen werden sie immer wieder gerne erlernt. Das Wesen der Zen-Kultur, der Zen-Kunst liegt im Zusammenklang der tiefen buddhistischen Weltsicht als dem Kern östlichen Denkens mit der einzigartigen japanischen Sensibilität für die Natur. Ein Blumengebinde nach Ikebana-Art, eine dargereichte Tasse Tee in der Tee-Zeremonie lassen dieses Wesen sofort offenbar werden: durch Direktheit, Einfachheit, Konkretheit, hohe Geistigkeit, durch die außerordentlich fein entwickelten Bewegungen beim Stehen, Gehen und Sitzen.

Wir Japaner sprechen Ausländern gegenüber natürlich gerne und mit großem Stolz von diesen hochentwickelten Künsten – auch wenn wir selbst keine davon erlernt haben.

Bei meinen Bemühungen hier in Deutschland, Deutsche in Zazen einzuführen und es sie zu lehren, mache ich als erstes deutlich, dass man Zazen als solches und die sogenannten Zen-Künste als zweierlei sehen muss. Als nächstes führe ich die Zazen-Übung auf den Ursprung des ZEN zurück, das heißt auf die religiöse Dimension des Mensch-Seins überhaupt. Dieses Zurückführen auf den Ursprung bedeutet nichts anderes, als die Notwendigkeit der Zazen-Übung für uns heute und damit die Notwendigkeit des Erwachens zum Mensch-Sein in der Welt klarzumachen.

Solange wir als Menschen in diese Welt geboren werden, gleich in welcher Kultur, erlernen wir notwendigerweise Sprache, entwickeln Begriffe und die Denkfähigkeit – wir lernen die Welt dualistisch sehen. Weil dies notwendig so ist, ist es ebenso notwendig, Zazen zu üben, da wir uns durch unsere dualistische Weltsicht so leicht täuschen und in die Irre führen lassen. Zazen ist die Übung, das dualistische Denken zu überwinden, und gleichzeitig ist Zazen die Überwindung der dualistischen Weitsicht. Die Beherrschung einer Zen-Kunst dagegen – gleich welcher – hat nicht an sich schon diesen umfassenden Charakter einer allgemeinen Weg-Übung zum Mensch-Sein.

Wenn Zen-Künste und Zazen-Übung von Anfang an getrennt werden, ergibt sich der Weg der Praxis ganz von selbst: in der bloßen Gestalt des eigenen Daseins aufzugehen. In solcher Praxis ist es schließlich unvermeidlich, dass das Wesen des Zazen, das heißt das Selbst in sich selbst, in den Übenden ganz von alleine klar auftaucht. So kann man (können wir) Meister Dogens Satz aus dem Shobogenzozuimonki erfahren: „Zazen ist das wahre Selbst.“

Es ist wichtig, dass die Deutschen, die mit mir Zazen üben wollen, meine Einstellung zur Zazen-Übung verstehen. Sie brauchen eine klare eigene Einstellung und ein Einverständnis darüber, in welche Richtung wir uns gemeinsam bemühen wollen. Für die Deutschen, die aus Neugier und Interesse an den japanischen Zen-Künsten in die Zazen-Praxis einsteigen wollen, ist meine Art und Weise sicher nicht attraktiv.

Zwei Anmerkungen sollen mein Praxis-Verständnis verdeutlichen:

1.  Unser großer Lehrer  Shakyamuni Buddha, der in Alt-Indien auftrat und die Wahrheit von „pratitya-samutpada“ („bedingtes     Entstehen“ oder „Entstehen in Abhängigkeit“) und von „anatman“ („Nicht-Selbst“, in der Mahayana-Tradition „Leerheit“ genannt) lehrte, die „vier edlen Wahrheiten“ und den „edlen achtfachen Pfad“ zeigte und lebenslang mit seinen Schülern Zazen übte, kannte überhaupt keine japanische Zen-Kunst.

2. Chinesisches Zen ist der Ursprung für japanisches Zen. Chinesische Zen¬Meister, gerade die besonders berühmten Meister in der Blütezeit des Zen während der Tang-Dynastie, hatten gar keine Ahnung von Zen-Künsten wie Chado und Ikebana, da diese Künste ja erst viel später in Japan entwickelt wurden. Sicherlich aber beherrschten sie mit Kalligraphie und Dichtkunst die zentralen Bereiche der damaligen chinesischen Kultur.

Meine Schlussfolgerung ist damit noch klarer: Die Zazen-Übung ist auf den Ursprung des Zen, den Koordinatenursprung des Buddhismus, auf die religiöse Dimension des Mensch-Seins zurückzuführen. Die Zazen-Übenden müssen die allgemeine Gültigkeit dieser Übung jenseits der Grenzen von Raum und Zeit begreifen.

Aus einer solchen Übungsweise wird, sowohl für den einzelnen als auch für die Menschheit als Ganzes, eine Antwort auf die Frage auftauchen, wie wir in unserer verworrenen Zeit weiterkommen sollen. Ich sehe die Antwort in der Aufforderung zur Aufrichtigkeit (Japanisch „JIKISHIN“) bei jedem einzelnen und bei der Menschheit insgesamt.