Was sind Shilas?

Ein Vorwort aus der Shila-Broschüre.

Ich möchte kurz über den Sinn der Shila-Praxis sprechen. Die Shila-Praxis ist nichts anderes als der Ausdruck der Liebe. Ich praktiziere die Shilas, da ich dich liebe. Ich praktiziere die Shilas, da ich mich selbst liebe. Wahrhaft heilsam umgehen mit anderen Menschen, mit sich selbst, mit allen Lebewesen, dies ist nichts anderes als die wahre Bedeutung des Wortes „lieben“. Daher kann man sagen, lieben heißt Shila praktizieren, Shila praktizieren heißt wahrhaft lieben.

Es gibt übrigens immer wieder Unklarheit über den Unterschied zwischen Vinaya und Shila. Vinaya sind Vorschriften, Gebote und Verbote des Ordens, es gibt also Strafe, wenn man sie nicht befolgt. In dieser Weise kann Vinaya mit den Vorschriften und Gesetzen des Staates verglichen werden. Sie sind auch eine Art der Unterstützung, aber es sind äußerliche Normen. Shila ist dagegen eine eigene innere spirituelle Lebenseinstellung, die niemals als Zwang von außen verstanden werden darf. Shila ist ein Gelöbnis der Menschen, die dieses Leben miteinander leben wollen.

Es gibt drei Schulungen auf dem buddhistischen Weg, nämlich Shila, Samadhi und Prajna. Zunächst einmal versteht man Shila als Sittlichkeit und Grundlage für die Praxis Samadhi (Konzentration) in der Meditation. Durch Samadhi soll Prajna (Weisheit) entstehen, aber nicht in einer dualistischen Sicht, sondern in ganzheitlicher Durchdringung von Weisheit und Liebe.

In der höheren Dimension der drei Schulungen (Shila, Samadhi, Prajna) soll Shila aber als Ausdruck der Liebe verstanden werden. Denn die Vervollkommnung der Praxis von Samadhi und Prajna soll im Alltag konkret durchgeführt werden. Die Durchführung von Samadhi (Konzentration) und Prajna (Weisheit) ist gerade Shila. Durch Samadhi und Prajna reif gewordener Ausdruck von Liebe und Mitgefühl, das ist die Praxis Shila in den alltäglichen Lebensumständen.

In der Übungsgemeinschaft der Saddharma-Sangha (Shobo-Kai, Fumonji-Sangha) werden diese 21 Shilas praktiziert. Die ersten 13 Shilas stammen aus den allgemeinen Mahayana-Shilas, die letzten acht Shilas stammen aus dem „Yuikyo-gyo“ (Buddhas-Vermächtnis-Sutra) und sind auch in der Mahayana-Tradition im Raum des chinesischen Buddhismus besonders wichtig. Die letzten acht Shilas sind, im Vergleich mit den übrigen, anders formuliert. Sie sind nichts anderes als das Mitgefühl-Liebe-Gelöbnis: „Mögen alle Lebewesen friedvoll und glücklich sein!“ Es wird als einzelne Shila-Einheit im konkreten Alltagsleben umgesetzt. Dabei sollen die folgenden kurzen Texte unterstützen. Also der Wunsch und das Gelöbnis zu praktizieren, sich selbst und andere wahrhaft zu lieben, sind in den 21 Shilas konkret formuliert.

Möge diese kleine Shila-Broschüre als ein Dharma-Wegweiser wirken und den Menschen helfen, die heilsam mit allen Mitmenschen diesen Leben leben wollen!

Fumon S. Nakagawa Roshi
Fumonji Abt

12. Juni 2013